Ein weinendes Kleinkind an der einen Hand, eine gepackte Tasche in der anderen Hand. Dieser Moment bevor ich unsere gemeinsame Wohnung in Köln verließ, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Was als alleinerziehende Mama alles auf mich zukommen würde, wusste ich damals nicht.


Zweieinhalb Jahre sind seit diesem Tag vergangen und inzwischen sind wir „angekommen“. Ich bin glücklich mit meinem Leben so wie es ist. Es ist nicht einfach, es gibt viele Herausforderungen und schreiende Ungerechtigkeiten, die einem erst bewusst werden, wenn man selbst in der Situation ist.

 

Trennung mit Kind, das bedeutete für mich keine Zeit zum Heulen. Unser Leben musste neu sortiert werden, unser Alltag funktionieren. Zuallererst brauchte ich Unterstützung, sonst würde ich untergehen, das war mir klar.

 

Unterstützung suchen und ein Netzwerk aufbauen.

Dies rät dir jeder, ist aber gar nicht so einfach. In erster Linie bekomme ich Unterstützung von meinen Eltern, zu ihnen bin ich auch direkt nach der Trennung gezogen (und ich bin immer noch hier, mit Kind).

Ich habe auch weitere Familienmitglieder und Bekannte als Babysitter eingespannt, um meinem Beruf nachgehen zu können. Später, als mein Kind psychisch wieder stabiler war, habe ich auswärtige Babysitter gesucht, die ich regelmäßig brauche, da ich beruflich viel unterwegs bin.

 

Andere Kindergartenmütter können das Kind regelmäßig zum Spielen nachmittags mitnehmen. Vielleicht ist eine andere Mutter in einer ähnlichen Situation und man kann sich mit dem Abholen der Kinder abwechseln. Trau dich, um Hilfe zu bitten. Es gibt zwar auch Enttäuschungen, wenn Hilfe ausbleibt. Aber die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit überwiegt bei mir, da ich meistens unterstützt werde.

 

Austausch mit Gleichgesinnten.

Mich hat der Austausch mit anderen Alleinerziehenden in der ersten Zeit nach der Trennung besonders aufgebaut.

Inzwischen bin ich so selbstbewusst und glücklich mit meiner Situation, dass ich anderen, „frisch“ Alleinerziehenden, etwas von meinen positiven Gedanken abgeben möchte.

 

Informativ, unterhaltsam, kritisch und bestärkend sind diese Blogs von alleinerziehenden Müttern. Sie beleuchten das Leben von Alleinerziehenden und jeder legt einen anderen Fokus: Gesellschaft, Politik, Gesundheit, Kultur. Teilweise sind innerhalb der Blogs Netzwerke entstanden, Kontakte können leicht geknüpft werden.

 

Mutterseelesonnig

Stark und alleinerziehend, Alexandra Widmer 

notyetaguru.com – rein theoretisch geht alles, Susanne Triepel

Mamaberlin – The Good Woman Project, Verena Schulemann 

Phoenix-Frauen, Rona Duwe 

Mama arbeitet, Christina Finke

Mutterseelenalleinerziehend, Sarah Wiedenhöft

 

In Facebookgruppen, auch lokalen, werden Themen diskutiert, Treffen organisiert, Freundschaften geschlossen.

 

Im Gegenzug habe ich mich von Menschen verabschiedet, die mir nicht guttun. Menschen, die mehr Energie rauben, als Kraft geben. Diejenigen, die alles besser wissen, ohne in der Situation zu sein. Diejenigen, die dich verurteilen und es sowieso schon haben kommen sehen. Diejenigen, die dir vorwerfen, dem Kind seinen Vater zu nehmen. Verabschiede dich von ihnen. Du brauchst sie nicht.

 

Dein Umgang mit dir selbst, Gelassenheit und Achtsamkeit.

Seit ich mit meinem Kind alleine bin, versuche ich, gelassener mit meinen Erziehungsidealen umzugehen. Ich möchte in Ruhe duschen? Mein Kind darf in der Zwischenzeit mit der Maus App auf meinem Telefon spielen. Der Arbeitstag war lang, du und dein Kind seid müde und erschöpft, keine Lust mehr einkaufen zu gehen und zu kochen? Picknick im Kinderzimmer mit Abendbrot und Müsli kann auch mal sehr lustig sein. Dein Kind schläft endlich, du bist erschöpft, gönne dir Ruhe! Sei gelassen und achtsam auch mit dir selbst, sei nicht so streng mit dir.

 

Für mich war die Trennung auch eine Zeit, mich auf mich selbst zu besinnen. Wer bin ich eigentlich, wofür interessiere ich mich, was macht mich aus? Du kannst dich neu kennenlernen und neue Rituale für euch entdecken. Eine spannende Zeit, der ich durchaus, trotz des Trennungsschmerzes, etwas Positives abgewinnen konnte.

 

Erkenne an, was du tagtäglich leistest, die kleinen und großen Katastrophen im Alltag meisterst und dabei eine liebende Mama bleibst. Du kannst stolz auf dich und deine Familie sein. Wie oft mache ich drei Kreuze, wenn ich mein Kind einigermaßen pünktlich abgegeben habe, vorher mich und das Pausenbrot, den Geburtstagskuchen oder eine Bastelarbeit passabel hergerichtet habe und auf dem Weg zum Job sprinte. Nebenbei den ganzen Alltag inklusive Termine beim Kinderarzt, Logopäden, Vorsorge organisiere, Geburtstagsgeschenke besorge und gesund koche. Nicht zu vergessen der Job, der fordert, mit Kollegen, Vorgesetzten und Kunden. Ja, das ist alles ganz schön viel und dafür darf man sich auch mal auf die Schulter klopfen.

 

Die Ungerechtigkeiten, die Alleinerziehende in Deutschland erfahren, weil sie strukturell benachteiligt werden, reiße ich hier nur kurz an. Das ist leider ein riesiges Thema für sich.


Unterstützung vom Staat? Fehlanzeige. Von der Stadt, der Krankenkasse? Weder gelten für Alleinerziehende nennenswerte Steuererleichterungen (ich werde besteuert wie ein Single, Kind ist egal und zählt nicht), noch profitiere ich beispielsweise im Museum, Zoo oder Freizeitparks von Familienrabatten.

 

Unsere Familienform "gibt" es einfach nicht. Wir werden nicht gesehen und nicht unterstützt. Die Altersarmut schielt auch schon um die Ecke. Zum Glück kommt Bewegung in die Sache, nicht zuletzt dank der großartigen Frauen und ihrer Blogs, siehe oben. Und dank den phantastischen Aktivistinnen Andrea Koeppler und Reina Becker. 

 

 

Verhältnis zum Vater des Kindes.

Ein enorm wichtiger Punkt und zugleich meine größte Herausforderung. Ich bin inzwischen der Auffassung, dass die Liebes-Beziehung zwar beendet wurde, ich aber weiterhin eine Beziehung mit dem Vater meines Kindes führe. Wir müssen miteinander auskommen, ob wir wollen oder nicht. Nach den ganzen Verletzungen und dem Schmerz war mein erster Impuls, ich möchte ihn nie wiedersehen, nichts mehr mit ihm zu tun haben.

 

Mein Kind aber liebt seinen Vater und braucht ihn, und es wäre ein großer Verlust, ihn nicht regelmäßig zu sehen.


Unser Kontakt war zwischendurch katastrophal, schwankte zwischen Stalking und Blockieren. Streit und Annäherung wechselten sich ab. Inzwischen haben wir einen guten Kontakt, sachlich und freundlich. Uns hat geholfen:

 

- Klare Terminabsprachen im Vormonat (Umgangsregelung). Wir leben das „klassische Modell“, d.h. das Kind lebt hauptsächlich bei mir und der Papa holt das Kind einen Nachmittag in der Woche vom Kindergarten ab und verbringt den Nachmittag mit ihm, sowie jedes zweite Wochenende. Die Termine werden schriftlich besprochen, per E-mail oder sms.


- auf einer sachlichen Ebene bleiben: Ihr seid euch uneinig, über egal welches Thema, Erziehung, Termine, Kindergarten? Bleibe sachlich, ruhig und gelassen, habe das Kind im Blick. Frage dich, was ist im Sinne des Kindes? Ok, du findest den Papa von deinem Kind grad ziemlich bescheuert, aber dein Kind würde sich mega freuen, wenn die beiden ein Wochenende wegfahren, oder? Der Papa erlaubt etwas, was du nicht möchtest? Erst einmal durchatmen, überlegen, schadet es dem Kind? Dann danach handeln. Schadet es dem Kind, dann klare Anweisungen geben. Stört es dich, weil der Vorschlag vom Vater kommt? Dann überdenke deinen Standpunkt.


Für meinen Sohn ist es die allergrößte Freude, wenn seine Eltern sich verstehen. Ich sehe, wie seine Augen leuchten, wie er strahlt und wie warm es um sein Herz wird, wenn wir Eltern freundschaftlich bei einer Veranstaltung oder bei einer Übergabe miteinander reden. Diese Freude ist es mir mehr als wert, mich zurückzunehmen und auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Ich bin der festen Überzeugung, es gibt kein größeres Geschenk für ein Trennungskind als Friede zwischen den Eltern. Und sollte Friede noch nicht möglich sein, so strebt bitte einen Waffenstillstand an.

 

Seelische Verfassung des Kindes.

Das Kind sollte in jedem Fall aus den Konflikten herausgehalten werden. Mein Sohn hatte enorme Anpassungsschwierigkeiten nach der Trennung und auch nach den Umgangswochenenden.


Er war aggressiv, wusste nicht, wohin mit seinen Gefühlen. Es tat mir so leid, und ich kam mir so hilflos vor. Wir sind zu einer Kinderpsychologin gegangen. Sie hat mir nicht nur geholfen, mein Kind besser zu verstehen, sondern auch, mich schützend vor mein Kind zu stellen. Was ist gut, was ist richtig für ein Kind während einer Trennung? Was sollte erlaubt sein, was nicht? Diese Fragen sind sehr individuell, und die Psychologin hat mir geholfen sie zu beantworten und für die Interessen meines Kindes einzustehen. Es ist leider immer noch schwierig für ihn, zwischen den Welten zu wandeln, es gibt immer wieder Ausreißer, wenn er überfordert ist. Das hört wahrscheinlich auch nie auf und ich versuche, ihm mit einer liebevollen Erziehung ein stabiles Zuhause zu geben.

 

Nicht zu vergessen ist der Austausch mit den ErzieherInnen oder LehrerInnen. Informiere die Betreuungspersonen deines Kindes über eure familiäre Situation. Es ist für alle leichter, wenn jeder Bescheid weiß. Auch ein Lehrer kann ein auffälliges Verhalten besser einordnen, wenn er weiß, dass zu Hause gerade Chaos herrscht. Die ErzieherInnen oder LehrerInnen werden euch für eure Offenheit danken. Mit Verständnis und Unterstützung.

 

Rechtliche Situation.

Die Grundlage für euer weiteres Leben ist die rechtliche Situation. Das ist individuell und hängt von so vielen Faktoren ab, dass eine direkte Beratung sinnvoll erscheint.

 

Diese gibt es bei Beratungsstellen wie pro familia, dem Jugendamt und natürlich auch bei FamilienrechtsanwältInnen. Auf welcher Grundlage möchtet ihr euer Leben gestalten, wie sieht die Betreuung aus, wo hat das Kind seinen Lebensmittelpunkt? Wer zahlt Unterhalt und wieviel?


Diese Rahmenbedingungen wollte ich zügig abstecken, um positiv in die Zukunft blicken zu können. Streit um Geld und Macht sind Zeit- und Energieräuber. Mir war es wichtig, meine Lebenszeit nicht mit Streit zu vergeuden und alles dafür zu tun, dass es „gut“ wird.

 

Diese Bücher zum Thema haben mir geholfen:

Stark und Alleinerziehend von Alexandra Widmer

 

Allein, alleiner, alleinerziehend – Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt von Christina Finke


Esst euer Eis auf, sonst gibt’s keine Pommes von Katja Zimmermann


Mama zwischen Sorge und Recht: Die aberwitzigen Erfahrungen einer Mutter in Sachen Umgang von Carola Fuchs

 

Es gibt natürlich auch Bücher für Kinder zum Thema. Wir haben diese hier, welche wir auszugsweise lesen:

Alles Familie! Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten von Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl

Die Krokobären von Eva Orinsky

 

Dieser Text, aus der Sicht einer alleinerziehenden Mama, bei der das Kind lebt, zeigt meine persönliche Erfahrung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jede Trennung ist anders, so wie jede Familien- und Lebenssituation anders ist.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0