Freiheit und Abenteuer. Ist das wirklich alles im Leben? Helen berichtet. 


Mein Mann und ich kennen uns seit 30 Jahren. Wir lebten im selben Dorf, besuchten die gleichen Schulen, hatten denselben Freundeskreis, teilten eine Leidenschaft – die Musik – miteinander, verliebten uns und schwörten uns bei der Abifeier ewige Liebe und Treue.

 

Er war mein Traummann, ich seine Traumfrau. Alles in unserer Beziehung war kitschig romantisch. Eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Wir liebten, lebten, hatten unglaublich guten Sex, denselben Humor, drei wundervolle Kinder. Wir meisterten Kind und Karriere, klar mit Höhen und Tiefen, aber immer solide, unaufgeregt, lösungsorientiert.

 

Alle meine Freundinnen und Freunde beneideten mich um mein Leben. Es war perfekt.

 

In mir sah es allerdings alles andere als perfekt aus. Als unser drittes Kind eingeschult wurde, war das ein bedeutungsschwerer Tag für mich. Einerseits war da die Sehnsucht, gebraucht zu werden, andererseits der starke Wunsch, selbst ein Kapitel abzuschließen, so wie meine Motte das Kapitel Kindergarten. Es war der Wunsch, frei zu sein. Sich in dieser Freiheit wieder mehr und vor allem intensiver zu spüren.

 

Einmal hochgekommen, kam dieser Gedanke oder Wunsch immer wieder. Aber anders als früher wollte ich ihn nicht mit meinem Mann teilen. Es war meine Lust nach Abenteuer, meine Lust nach Freiheit. Es waren egoistische Gedanken. Und so schlimm sich das jetzt liest: weder die Kinder noch mein Mann kamen darin vor.

 

Anfangs schämte ich mich dafür. Heute weiß ich, dass es vielen Eltern so geht. Ich liebte meine Kinder über alles, aber ich wollte wieder etwas ganz Eigenes. Etwas, das nichts mit ihnen zu tun hatte.

 

Mein Mann ahnte nichts. Allerdings viel ihm auf, dass ich selbstbewusster durchs Leben ging. Dass mir mein Äußeres wieder sehr wichtig war. Ich machte Dinge, die ich komplett aus den Augen verloren hatte. Ich besuchte Galerieeröffnungen. Alleine. Hörte Lesungen. Alleine. Ging in Nachtclubs. Alleine. Und ich wollte mehr davon. Dann kam Hendrik in mein Leben.

 

Verliebt habe ich mich nicht. Klar fand ich ihn gut. Irgendwie anziehend. Er verkörperte eben all das, das ich für lange Zeit nicht mehr war: unabhängig, spontan, frei, ausgeschlafen, sexy. Er gefiel mir auch nicht besser als mein Mann. Nach wie vor ist er der perfekte Ehemann. Hendrik füllte einfach nur die Lücken, die ich allein nicht geschafft habe zu füllen. Und natürlich war es spannend, mal mit einem anderen Mann als meinem eigenen zu schlafen. Ich kannte ja nur ihn.

 

Als ich mich einer Freundin anvertraute, brach diese sofort den Kontakt zu mir ab, setzte zuvor aber noch eine Art Ultimatum, da sie auch eine enge Freundin meines Mannes war: "Du sagst es ihm. Sonst tue ich es. Vier Wochen, Helen. Vier Wochen! Und keinen Tag länger."

 

Ich tat wie mir geheißen. Mein Mann zog aus. Die Kinder mit ihm. Sie fanden mich seltsam in all den Wochen in denen ich nur meinen Weg gehen wollte. Anscheinend war ich in der Zeit so anders für die Kleinen, dass sie in mir nicht mehr die Mutter sehen konnten, die ich trotzdem noch war.

 

Heute, zwei Jahre nach meiner Beichte, ist unser aller Verhältnis wirklich gut. Auch liebevoll. Ich bin unendlich dankbar dafür. Ab und an treffen wir uns nur zu zweit. Reden über alte Zeiten und darüber, ob wir noch eine Chance für einen Neuanfang sehen. Der müsste dann aber sicher sein und ungebrochen. Eine zweite Trennung könnten wir den Kindern und uns nicht antun.

 

Aber wir sind beide unsicher. Mein Mann, weil seine Wunden noch nicht verheilt sind; ich, weil ich einfach nicht weiß, ob ich in die alte Familienstruktur zurückkehren möchte; die Kinder, weil sie sich jetzt sehr wohl fühlen und eigentlich keine Veränderung mehr möchten.

 

Man könnte sagen, dass ich jetzt alles habe, was ich wollte. Freiheit, Abenteuer, ein eigenes unabhängiges Leben. All das, was ich vorher gesucht habe. Aber so ist es nicht. Ich kann nicht sagen, dass ich unglücklich bin, aber ich bin einsam. Verdammt einsam.

Mit meiner Affäre und meinem Egotripp habe ich so viel verloren: Familie im allgemeinen, meine Kinder und meinen Mann, Freund und Weggefährten im Speziellen. Ordnung, Geborgenheit und Liebe.


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