Die Existenz der Anderen. Anna erzählt warum das für sie ein Antrieb ist. 


Mein Freund und ich sind seit zehn Jahren ein Paar. Mit 18 lernten wir uns in einem Club kennen. Drei Jahre später wurden wir Eltern von Julia. Für uns war das kein Problem, dass wir in so jungen Jahren Eltern wurden. Im Gegenteil: Wird Julia 18, sind wir gerade mal 39. Das könnte für uns auch nochmal eine zweite Jugend sein. So malten wir es uns in stressigen Zeiten immer aus.

 

Vor einem halben Jahr entdeckte ich dann einen Zettel in der Jacke meines Freundes. Ein belangloses „bis später!“ war darauf zu lesen. Ich ignorierte es. Mein Freund traf sich wieder häufiger mit „alten Bekannten“ wie er sagte, und ich freute mich für ihn. Erst als er unseren Jahrestag verschwitzte, wurde ich stutzig.

 

Den feierten wir jedes Jahr zur Mittagszeit am Rhein. Wenn das Wetter es zuließ, machten wir ein Picknick und den Rest des Tages frei. Das Wetter ließ es zu, aber er kam nicht. Ich wählte seine Nummer. Mailbox. Ich schrieb eine Nachricht. Keine Antwort. Das war so neu für mich, dass ich in Panik geriet. Natürlich rief ich im Büro an. Dort sagte man mir, dass er das Büro bereits am Vormittag verlassen hätte. Dann kam sein Rückruf. Es täte ihm so leid, aber er würde im Büro fest sitzen. Ein Kunde sei heute besonders zimperlich.

 

Ich wusste alles und sagte nichts. Bis heute lebe ich mit dem Wissen, dass es eine Andere gibt. Ich habe Nachrichten auf seinem Handy gelesen, Bilder entdeckt, kenne ihren Namen und weiß, wo sie wohnt. Aber ich sage nichts.

 

Immer wieder lege ich mir die Sätze in meinem Kopf zurecht, nehme mir vor, Tacheles zu reden, die Bombe platzen zu lassen. Aber wann? Wenn er abends nach Hause kommt? Beim Abendessen? Wenn wir im Bett liegen? Statt Klartext zu reden (was in meinen Augen eigentlich auch seine Aufgabe wäre), fange ich an, mich selbst zu verändern. Würde eine Freundin mir das alles erzählen, würde ich ihr sagen, dass sie eine ziemlich dumme Gans ist und sich nicht so verarschen lassen sollte.

 

Doch so absurd das jetzt klingen mag: Die Existenz der Anderen ist irgendwie ein Antrieb für mich. Ein Motor, mehr auf mich zu achten, wieder mehr aus mir zu machen, den Schlabberlook öfter mal einzutauschen gegen High Heels und Skinny Jeans. Ich sehe wieder aus wie 28. Nicht wie Ende 30. Es kommt gut an und macht mich innerlich stark. Wie lange das noch so gehen soll, weiß ich nicht. Eigentlich wünsche ich mir, dass er die Größe hat, mit mir zu sprechen und wenn nicht, dann habe ich vielleicht irgendwann den Mut, ihm eine Brücke zu bauen. Der Tag kommt bestimmt.


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