Chats - Warum ich manchmal gerne offline wäre

Ich mag Neues. Ich mag Praktisches. Und ich liebe technische Gadgets. Als ich vor Jahren zum ersten Mal "Du wurdest der Gruppe XY hinzugefügt" in WhatsApp las, hatte weder Bedenken noch Fragezeichen auf meiner Stirn stehen. Aha, dachte ich damals und verfolgte mal mehr, mal weniger, den Gruppeninhalt. Ich gründete eigene Gruppen, zur leichteren Terminabsprache unter den Freunden, als Geburtstagseinladung, verband alte Freunde in eine „gute alte Zeiten“-Gruppe und und und.

 

Mittlerweile bin ich Teil von acht WhatsApp Gruppen. Acht! Die Hälfte davon betrifft unseren neunjährigen Sohn, die andere Hälfte meine Privatvergnügen, die aber irgendwie auf der Strecke bleiben. Denn: Nichts ist unverbindlicher als ein „ja, lass uns mal wieder treffen“ über WhatsApp.

Und da will ich mich gar nicht ausnehmen. Ich sage es, gucke in den Kalender und vergesse im nächsten Moment schon wieder, konkret einen Termin zu schicken. Oder verschiebe es auf später. Nach dem Motto: Schreiben kann man ja immer. Alles, unverbindlich, wenig konkret.

 

Natürlich ist an so einem Messenger-Dienst nicht alles negativ. Ich sende meinen Mädels auch gerne mal zwischendurch ein „hey, ich denke an euch“, oder berichte im Familienchat über die Schwimmerfolge unserer Tochter. Und ich freue mich sogar hier und da über so manche Sprachnachricht. Letzteres nutze ich auch nicht selten, wenn die Tipperei mal wieder zu lange dauert. Aber (und die Frage geht auch an mich): Warum nicht einfach zum Hörer greifen und anrufen?

 

In letzter Zeit beobachte ich noch einen anderen Trend, über den ich mich stundenlang aufregen könnte. Manche Eltern nutzen die Vereins-, Sport-, Schul-WhatsApp-Gruppen, um die Konflikte ihrer Kinder mit anderen Kindern in dieser Gruppe zu lösen. Da schreiben Eltern, das Kind x dem eigenen Kind y eine auf die Glocke gehauen hat und ob das noch andere beobachtet hätten. In einer Gruppe mit gut 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird dann über den Bösewicht geurteilt, das Gruppenklima der Kinder ganz generell in Frage gestellt, ohne das ein Austausch der eigentlich Beteiligten stattgefunden hätte. 

 

WhatsAPP? Ja was ist denn da los? Wo sind denn die guten alten Konfliktlösungsansätze geblieben? Anrufen, nachfragen (Hey, was war denn da los? Ich habe gehört, dass...?), klären (am besten die Kinder untereinander). Seit wann löst denn eine ganze Gruppe Unbeteiligter Konflikte, die sie noch nicht einmal mitbekommen haben? Es ist, als würde dieses Kommunikationstool eben eine normale Aussprache total negieren. Alles wird öffentlich, jeder kann dann zuhause am Esstisch darüber lamentieren, sich aufregen und Lösungsvorschläge in die Gruppe feuern, die zu guter Letzt, weder Kind x noch Kind y in der Sache helfen.

 

Man muss sich ja auch mal in das Kind und die Eltern einfühlen. Es ist ja per se schon nicht schön zu hören, dass das eigene Kind einem anderen körperlich oder seelisch wehgetan hat. Aber noch schlimmer ist es, wenn das so öffentlich gemacht wird. Und manchmal ist es ja auch so, dass die Kinder im Gespräch untereinander merken: Hey, so schlimm war das doch gar nicht. Ist schon verziehen. Oder sie streiten einfach nochmal richtig und sprechen sich im Idealfall im Anschluss darüber aus. Logisch kann ich als Eltern unterstützen, aber doch bitte nicht anheizen.

 

Um ehrlich zu sein, graut es mir vor der weiterführenden Schule, wo diese Gruppen unter den Kindern Gang und Gebe sind, inklusive Mobbing und stundenlanger Dialoge bis spät in die Nacht. Sich dem entziehen, macht allerdings nicht selten zum Außenseiter. Ein ganz schöner Konflikt wie ich finde.

 

Wie sind eure Erfahrungen mit WhatsApp-Gruppen?

 

 

 

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