Über die Selbstliebe.

Es gibt da so ein Sprichwort: Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben. Klingt irgendwie logisch. Und doch sieht es in der Realität ganz anders aus. Letzte Woche zum Beispiel. Da traf ich eine ganz bezaubernde Mama auf dem Weg zum Kindergarten. Sie strahlte, blieb auf einen kurzen Plausch stehen, und ich konnte nicht umhin ihr zu sagen: „Wow, Du siehst richtig toll aus. Total erholt.“ Die Bekannte murmelte ein ungläubiges „Findest Du? Ich seh' doch voll fertig aus und überhaupt hab ich immer noch kein Gramm abgenommen.“

 

Das ist nur ein Beispiel von vielen Gesprächen, dutzenden Begegnungen und bewegenden Momenten, in denen ganz deutlich wurde, dass die meisten Menschen (leider überwiegend Mamas) sich nicht wirklich selbst lieben.

 

Stattdessen sind sie permanent auf der Suche nach was auch immer, reiben sich auf und scheinen permanent gegen sich selbst zu kämpfen. Sei nicht schwach, sei nicht zu streng, halte mit deinen Gefühlen hinterm Berg, nimm fünf Kilo ab, mach mehr Sport, verbringe intensivere Zeit mit deinen Kindern, koche abwechslungsreicher, sei effektiver im Job, geh' mehr an die frische Luft … .

 

Warum beäugen wir uns ständig kritisch und irgendwie auch lieblos? Mit Selbstliebe hat das in meinen Augen nichts zu tun.

 

Besonders traurig machte mich in den letzten Jahren, dass ich nicht eine einzige Mama traf, mich eingeschlossen, die auf sich und das, was sie leistet, stolz war. Dabei war es völlig egal, ob diese Mama Teilzeit oder Vollzeit arbeitet, oder noch in Elternzeit ist. Jeder war unzufrieden mit sich und unterm Strich lief es in allen Gesprächen darauf hinaus, dass der Druck, einfach zu hoch ist. Der Eigene und der von außen.

 

Als Eltern wollen wir alles richtig machen, setzen uns deshalb ständig dem Vergleich mit anderen Eltern aus. Und wenn wir das nicht machen, dann bewerten uns die anderen. Ungefragt. „Schon wieder nur eine Backmischung“, oder „kann die nicht mal was anderes als Brezn mitbringen?“, oder „die Kinder haben seid zwei Tagen die gleichen Klamotten an.“ Alles Sätze, die ich schon gehört habe. Hinterm Rücken oder direkt. Versteht kein Mensch, denn eigentlich sitzen wir doch alle im gleichen Boot, oder nicht?

 

Wir Eltern wollen erfolgreich im Job sein, zuhause muss alles picobello glänzen, der Kühlschrank immer gefüllt sein, die Kinder eine angemessene Förderung erhalten und gefälligst ausschließlich frisch und Bio essen. Wir achten so sehr darauf, dass unser Außenbild stimmt, dass wir uns in all dem Funktionieren glatt selbst verlieren. Und auch gar nicht mehr wissen, was gut für uns ist. Wie soll man sich dann bitteschön selbst lieben?

 

Mal Fünfe grade sein lassen. Den Staubsauger ignorieren und stattdessen einen Herbstspaziergang machen. Kastanien sammeln, statt Spülmaschine leeren. Ab und an mal zur Fertigpizza greifen, dem Gemüse keine Beachtung schenken und lieber ein Buch lesen. Auch mal was vergessen. Davon geht die Welt nicht unter. Wirklich nicht. Und dann ist auch wieder mehr Zeit sich selbst zu lieben. 

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