Versteht euch! Für ein bisschen mehr Toleranz und Solidarität unter Eltern.

Als Eltern bekommt man irre viele Ratschläge. Als die Mutter von Selina zum Beispiel sanft meinen Arm streifte und meinte: „Findest du es nicht zu gefährlich, dein Kind barfuß laufen zu lassen“, obwohl sie eigentlich lieber sagen würde: „Das geht doch nicht, dass du deinem Kind keine Schuhe anziehst“.

 

Oder der Vater von Jakob, der mir mit sorgenvoller Miene eine Broschüre in die Hand drückte und dafür plädierte, mein Kind drei Jahre voll zu stillen.

 

Alles gut gemeinte Tipps, schon klar. Aber warum zur Hölle schreit jeder ungefragt seine Erfahrungen in puncto Kindererziehung in die Welt hinaus?

 

Es ist schon ein seltsames Phänomen: Sobald das Umfeld erfährt, dass in naher Zukunft ein Kind geboren wird, drehen alle rundherum durch. Die einen vor Freude, was ja per se mal sehr schön ist. Die anderen sind überrascht und schweigen erstmal. Wieder andere müllen dich zu mit Weisheiten über Geburt, Stillen, Must-haves im ersten Babyjahr.

 

Sie prophezeien hängende Brüste und postnatale Depressionen, Wasserbeine und Heißhungerattacken, Nächte in denen man vor Gebrüll senkrecht im Bett steht und ein praktisch nicht vorhandenes Sexualleben in den ersten drei Jahren mit Kind.

 

Es gibt aber auch Eltern bei denen immer alles super ist. Und damit das bei einem selbst dann auch so wird, geben diese Eltern Ratschläge in Sachen Erziehung, Stillzeiten, Kleidung, Spielzeug, Feuchttücher, Mondphasen... . Herrgott!!!

 

Kaum ein Thema wird so durchgekaut wie die Themen Schwangerschaft und Nachwuchs. Und jeder weiß es besser. Wenn das Baby besonders viel moppert, hat es pauschal immer Hunger. Wenn es einfach nur daliegt, zufrieden in die Luft starrt, ist es autistisch und wenn es besonders viel pupst, hat es sicher eine Laktoseunverträglichkeit.

 

Das ist mit ein Grund, warum ich Babykurse irgendwann gemieden habe. Alle wussten etwas zu mir und zu meinem Kind zu sagen. Ich aber habe diese Kurse besucht, um mit anderen Müttern eine gute Zeit zu haben, mich auszutauschen über schöne Ausflugsziele mit Kind oder besonders kinderfreundliche Cafés. Mein Kind anstarren und analysieren kann ich auch alleine. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Pech.

 

Und trotzdem frage ich mich, warum es Eltern so schwer fällt, andere Väter und Mütter und deren Lebensentwürfe so zu nehmen wie sie sind? Warum sind wir Eltern so streng mit uns? Warum kritisieren wir uns gegenseitig so viel? Wir sitzen doch alle im selben Boot?

 

Wenn ich mal wieder einen besonders kritischen Tag hatte, weil Person x sich O-Ton „schon sehr wundern muss“, dass die Tochter mit ihren drei Jahren manchmal noch im Buggy sitzt, dann liege ich abends im Bett und träume von einem Elterncafé mit viel Solidarität. Ein Ort, an dem kritische Blicke ausgesperrt und eingetauscht werden gegen Freude am Beisammensein. Mit guter Musik, interessanten Büchern, den ein oder anderen Hobbys, die dort ausgeübt werden können. Ein Café, in dem jede einzelne Person so genommen und wertgeschätzt wird wie sie ist. Und nicht nach der richtigen Ausübung der Elternrolle beurteilt wird. Würdet ihr kommen?

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Kommentare: 1
  • #1

    Franz (Freitag, 17 August 2018 21:44)

    Ich würde kommen!