Schlechtes Gewissen? I wo!

Wir haben mal wieder das Privileg, alleine unterwegs sein zu dürfen. Gute 800 Kilometer sind wir von unseren Kindern entfernt. Zu weit, um einfach mal schnell nach Hause zu düsen, wenn das Vermissen unüberwindbar wäre. Und wisst ihr was? Es ist einfach geil. Und ich sage das ohne schlechtes Gewissen. Mittlerweile.

 

Ich höre schon wieder andere Eltern sagen oder schreiben: „Vermisst du die Kinder dann nicht?“ Oder: „Ich kann mir das ja gar nicht mehr vorstellen, so allein. Ich wüsste gar nicht, was ich mit der Zeit anfangen soll.“ Manchmal kommt auch die Aufforderung, in mich zu gehen und nachzudenken: „Findest du das nicht egoistisch?“

 

Jetzt muss man wissen: Wir sind verreist, um zu arbeiten. Aber ich fände es auch nicht egoistisch, wenn ich für eine Woche mit meinem Mann alleine verreise. Einfach, weil es Spass macht. Weil es gut tut, jedem einzelnen von uns, mal eine Pause voneinander zu haben. Durchzuschnaufen. Unabhängig, frei und leicht zu sein. Natürlich fehlen uns die Kinder. Aber wir wissen, dass es ihnen gut geht. Und um ehrlich zu sein, überwiegt das tolle Gefühl, mal nur als Paar unterwegs zu sein absolut.

 

So „abgebrüht“ war ich aber – wie geschrieben – nicht immer. Ich kann mich sehr sehr gut an die erste Trennung von unserem Großen erinnern. Er war drei Wochen jung. Drei Wochen! Und ich hatte die schlimmste Brustentzündung in meiner ganzen Stillkarriere. Beidseitig, begleitet von höllisch hohem Fieber, den heftigsten Schmerzen überhaupt. Ich konnte nicht laufen, nicht liegen, nicht schlafen und: Ich konnte mein Kind nicht im Arm halten. Ich bin hart im nehmen, kann Schmerzen gut aushalten, aber dieser Tag im März 2010 war zu viel für mich. Und es half nichts. Das Fieber ging nicht runter, die Schmerzen nicht weg. Trotz der aufopfernden Fürsorge meiner Hebamme.

 

In diesen Stunden, und das liest sich jetzt total hart, wollte ich unser Kind nicht bei mir haben. Ich konnte einfach nicht. Also vertraute ich meiner Schwiegermutter unseren Sohn an. Einen ganzen Nachmittag. Mit gerade mal drei Wochen. Unter Anleitung der Hebamme pumpte ich ab, gab meiner Schwiegermutter ein Shirt von mir mit, damit der Kleine meinen Geruch bei sich tragen konnte. Und als die Tür zufiel, weinte ich. Laut. Vor Schmerzen und dem furchtbaren Gefühl, nicht für das eigene Kind sorgen zu können. Das war eine grausame Erfahrung.

 

Die zweite Trennung lies folglich lange auf sich warten. Und ich weinte wieder und wieder. Konnte mich kaum auf meine freie Zeit konzentrieren. Dachte immer daran, welche Rabenmutter ich doch bin. Obwohl ich wusste, dass diese Auszeiten mich oft über die Winter retteten, weil ich gute sechs Monate im Jahr ganz auf mich allein gestellt war. Dennoch: Das schlechte Gewissen war da, und es war groß! Sehr groß!

 

Es folgten viele Jahre, in denen wir auch weiterhin alleine reisten oder ausgingen. Mal nach Florida, mal zum Mountainbiken, mal genossen wir ein Wellnesswochenende. Und das war alles andere als einfach. Ich war so mit unserem Sohn verbunden, dass es manchmal körperlich weh tat, von ihm getrennt zu sein. Ich musste mir immer wieder sagen: Es ist ok. Es ist wichtig. Es ist gut für dich. Und für uns.

 

Aber wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich erst aufgehört, mir keine Vorwürfe mehr zu machen, als Moritz im letzten Kindergartenjahr war. Es war also ein langer langer Prozess, in dem ich lernen musste, dass mein Kind und seit 2015 meine Kinder, diese Auszeiten auch schätzen. Dass es ein Abenteuer für sie ist, bei Oma und Opa zu sein.

 

 

Dass es wichtig für mich und für uns als Paar ist, hin und wieder in kinderlose Zeiten abzutauchen. Zeiten, in denen man die Verantwortung einfach abgibt und nur für sich sorgt. Und dass man sich nicht schämen muss, wenn man offen sagt, dass man diese Zeiten auch genießt. Und nicht ununterbrochen an zu Hause denkt.  

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