Auszeit

Ich hatte mal eine seltsame und irgendwie auch verstörende Begegnung mit einer ganz jungen Mama. Unsere Tochter war gerade eins geworden, der Große sechs. Wir saßen gemeinsam in der Sonne, betrachteten unsere Kinder beim Spielen im Sand. Irgendwie kamen wir auf Auszeiten zu sprechen. Ich persönlich finde diese extrem wichtig. Und das sagte ich auch so. Doch die Mama des kleinen Jungen war völlig verstört und fragte mich, warum ich überhaupt Kinder in die Welt gesetzt habe. „Um Auszeiten zu haben?“

 

Als ich dann neulich auf einen Vater traf, der mir erklärte, dass sie als Familie ihren ganzen Alltag nach dem Kind ausrichten, sie auch nicht einkaufen fahren, wenn das Kind nicht möchte, musste ich an meine Begegnung von vor zwei Jahren denken.

 

Und vielleicht ist es jetzt an der Zeit, zu Papier zu bringen, was ich an kinderfreier Zeit eigentlich so geil finde. Vielleicht liest es die Mama von damals ja ganz zufällig.

 

Liebe Unbekannte,

 

wir haben uns vor zwei Jahren auf einem Spielplatz im Westpark kennengelernt. Unsere Kinder haben so herrlich friedlich im Sand gespielt, und wir hatten richtig gute Gespräche.

 

Bis das Thema „Auszeit“ aufgekommen ist. Ich habe mich an diesem Tag auf meine Auszeit gefreut und konnte es kaum erwarten, bis die Kinder endlich abgeholt wurden. Für dich war meine Aussage und Freude schockierend. Du hast gesagt, mit vorwurfsvoller Miene, dass es wohl besser gewesen wäre, ich hätte keine Kinder bekommen, wenn es mir nur darum ginge, Auszeiten von eben diesen zu bekommen. Dann haben sich unsere Wege getrennt.

 

Es tut mir so leid, dass du diese Auszeiten nicht für dich in Anspruch nimmst. Ich bin auch gar nicht mehr dazu gekomen, zu fragen, warum du so denkst. Kinderfreie Zeit bedeutet doch nicht, dass man seine Kinder nicht mehr liebt. Sich eine Auszeit nehmen... Das bedeutet Kraft tanken! Jedenfalls für mich.

 

Wenn wir eine anstrengende Zeit haben und ich schon wochenlang merke, dass ich total ausgepowert bin, ja, dann sehne ich den Tag herbei, an dem ich meine Mäuse einfach mal für ein paar Stunden los bin.

 

Durchatmen, Verantwortung abgeben, nichts denken. Da bin nur ich! Ich ganz allein. Das liest sich natürlich total egoistisch, aber ja, ich finde es einfach ab und an geil, allein mit mir zu sein und nur für mich sorgen zu müssen.

 

Ich muss für niemanden essen kochen, keine Taschen packen, keinem anderen als mir selbst den Hintern wischen, nicht den Fahrdienst spielen, keinen Streit schlichten… Da bin dann nur ich. Und mein Mann, aber der kann oben genanntes schon allein und selbständig.

 

Dann ist da noch diese Stille. Diese schöne Stille. Kennst du die noch? Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, entweicht mir erstmal ein lautes „YES!“ und dann? Nichts. Es ist einfach mal ruhig. Und das ist ab und an richtig schön.

 

Sollte es mir dann doch zu still werden, höre ich meinen Lieblingssender, in meiner Wunschlautstärke. Und ich höre nur das. Da dröhnt keine Ninjago-CD vom ersten Stock herunter, und es trällert auch keine Elsa „Lass jetzt los“. Da bin nur ich, mein Sender, der dröhnende Bass und Tanzschweiß. Ja richtig: Tanzschweiß!

 

Ähnlich ist es mit der Lektüre. Ich kann ein Buch lesen, das meiner Altersklasse entspricht. Und zwar ohne Unterbrechung! Ist das nicht cool?

 

Und weißt du, was auch ganz toll ist: Ich kann einfach mal für ein paar Stunden meine Vorbildfunktion in die Tonne treten und so viel Junk-Food in mich rein stopfen wie ich will. Chips, Gummibärchen, Schokolade, Fanta. Nur für mich. Und niemand brüllt: „Das ist unfair. Dann will ich aber auch noch was.“ Das gekoppelt mit einem Seriennachmittag... Wahnsinn!

 

Es ist eben das, was ich am meisten geniesse: Freiheit. Die Freiheit, in jeder Minute das tun zu können, was ich möchte. Das ist ein Hauch von Mitte zwanzig und kinderlos sein, der mich in diesen Momenten streift, und das ist einfach zu schön, um darauf zu verzichten.

 

Es bedeutet nicht, dass ich die Zeit zurückdrehen will. Nein. Aber seien wir doch mal ehrlich. Jeder, der Kinder hat (außer Dir vielleicht), sehnt sich manchmal danach, in den Tag hineinzuleben. Dieses unbeschwerte, zeitlose Sein. Selbst- und nicht fremdbestimmt zu sein.

 

Ich liebe meine Kinder über alles, aber ab und an habe ich die Schnauze voll. Das finde ich völlig legitim, und ich empfinde mich deshalb auch nicht als schlechte Mutter. Denn ich bin eben nicht nur Mutter.

 

Ich schlüpfe sehr gerne in meine kinderlose Rolle von damals. Stehe vor dem Spiegel, betrachte meine Makel, verschwende unglaublich viel Zeit in die Zusammenstellung eines guten Outfits und Schmink-Sessions bei lauter Musik und einer Flasche Becks. Bevor ich ausgehe. Wie früher eben.

Und das tut verdammt gut!

 

Probier's doch mal aus!


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Kommentare: 1
  • #1

    Kerstin (Samstag, 07 April 2018 19:51)

    Genau SO sehe ich das auch! Bin zu 100% bei dir!
    Und ich finde, dass das einfach der ehrlichere Umgang mit sich selbst und den eigenen Kindern ist. Abgesehen davon erleben unsere Kinder dadurch eine tolle Zeit mit anderen wichtigen Bezugspersonen. :)