Landmutter? Aber gerne!

Kaum eine Frage habe ich die letzten Wochen und Monaten mehr gehört als diese: Von der Stadt aufs Land - freiwillig? Wie geht das denn? Die ersten Wochen hat mich diese Frage noch nachdenklich, ja wehmütig gestimmt und damit fürchterliches Heimweh verursacht. Nach meiner Stadt. Dem schönen München. Doch heute, ein gutes halbes Jahr nach unserem Umzug aufs hessische Dorf, weiß ich genau, was ich hier lieben gelernt habe, und warum ich auf einmal so entspannt bin.

 

Mein Leben mit der Familie und dem Alltag drumherum ist einfacher geworden. Vor fünf Jahren hätte ich mich für so einen Satz selbst geohrfeigt, nach dem Motto: einfacher, da kann man sich ja gleich begraben lassen.

 

Aber seit Olivia's Geburt und Moritz' stärker werdendem Wunsch, die Nachmittage mit seinen Kumpels allein zu verbringen, geniesse ich die Freiheit sagen zu können: „Klar mein Großer, ab zum Spielplatz mit dir.“ Ich kann ihn laufen lassen, ohne Bedenken zu haben. Rundherum Felder, Spielstrassen, Wohngebiet. Das entspannt mich und damit die Kinder.

 

Genauso entspannend ist es, einen Garten zu haben. Was früher in meinem Kopf als Horrorvorstellung kreiste, empfinde ich heute als genial: Wir sind nicht gezwungen – voll gepackt mit Proviant – die Wohnung zu verlassen, um etwas frische Luft zu schnappen. Die Kinder können ungestört im Garten spielen, toben, schreien, während ich mich – Achtung, jetzt kommts – der Gartenarbeit widme. Unvorstellbar damals. Grauenvoll schön heute.

 

Ähnlich verhält es sich damit: Es ist hier zwar schön, nett auszusehen, aber interessieren tut das keinen. Ob du dich nun stundenlang oder nur wenige Minuten vor dem Spiegel zurecht gezupft hast, ist völlig nebensächlich. Hier sind irgendwie alle gleich. Ob im Jogginganzug, der Prada-Jeans oder dem H&M-Kleid. Ob tätowiert oder nicht. Es ist einfach egal.

 

Tatsächlich musste ich mich erst daran gewöhnen. Ich mag Mode und schöne Dinge. In München waren alle „stylisch“, sogar ungestylt. Hin und wieder hörte man: "Wow, du siehst aber toll aus." Oder das Gegenteil: „Du siehst so müde aus“, wenn man ungeschminkt das Haus verlassen hatte. Komplimente oder Kritik für dein Äußeres? Das gibt es hier nicht. Du bist wie du bist, und du siehst eben aus, wie du aussiehst.

 

Als ich dann heute so durch die Strassen radelte, erinnerte ich mich an das Gefühl, ständig gehetzt zu sein. Von der Suche nach etwas Neuem, Aufregendem. Einer neuen Idee, Herausforderung. Dem besten Italiener der Stadt, dem hochwertigsten Schuhladen, dem angesagtesten Frisör.

 

Diese Auswahl fehlt hier gänzlich, und das ist nicht das Schlechteste. Warum? Weil ich mich nicht permanent entscheiden muss. Und wenn dann maximal zwischen zwei Alternativen. Auch das musste ich lernen zu geniessen und nicht als Nachteil zu empfinden. Vermutlich werde ich keinen Trend mehr setzen, weder Klamotten-technisch, noch was Frisuren betrifft. Und ich werde meinen Freunden auch nicht sagen können: "Hey hier gibt es das beste Risotto der Stadt." Aber muss ich das?

 

 

Zugegeben: Aller Anfang ist schwer. Das ging auch mir so. Und immer noch gibt es Dinge, die ich vermisse. Trotzdem kann ich sagen, dass ich die Ruhe, die Entschleunigung, die vielen Pferde, Hunde, Störche, Hummelschwärmer, die wenigen Autos und vielen freundlichen Worte sehr geniesse. Stadt war gut. Genau für die Zeit, in der ich sie genießen konnte. Und vielleicht komme ich zurück, wenn die Kinder älter sind. Jetzt genieße ich erstmal ein ziemlich zwangloses, ruhiges Leben.

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